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Eine Woche lang Theaterleben: Ein Sommernachtstraum in Ins

Somernachtstraum2012 118

Vom 14. bis zum 22. Juli 2012 fand in der Heimschule Schlössli Ins der diesjährige Theaterworkshop mit Jurij A. Vasiljev statt. Mit 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter von etwa 20 bis 65 Jahren war es eine grosse und harmonische Gruppe, die sich zum Körper und Stimmtraining und zum Theaterspielen versammelt hatte. Unterbringung und Verpflegung waren nicht nur perfekt sondern auch sehr liebevoll organisiert und arrangiert – dafür ein grosses Dankeschön dem Fauntheaterverein, insbesondere Annette Flury! Die intensive Theaterwoche endete am Samstagabend mit einer Openair-Aufführung von Shakespeares Sommernachtstraum in Ins.

Ich soll dem Esel die Brust kneten. Der Esel ist eigentlich der Weber Zettel, der von Oberon verwandelt wurde um Titania zu ärgern – und er wird gespielt von Hans Flury. Als Titania liebe ich ihn abgöttisch, den Esel Zettel: Es ist das pralle Leben, das uns für eine Woche in der Heimschule Schlössli Ins umfängt, ganz weit weg vom Alltag und unglaublich nah dran an allem was wirklich wichtig ist: Spass haben an der intensiven Zusammenarbeit mit anderen, Neues entdecken an sich und an den Mitspielenden, die eigenen Grenzen erfahren oder auch überschreiten, ganz bei sich und bei den eigenen Gefühlen sein.

Die 20 Schauspieler und Schauspielerinnen, Amateure, Semiprofis und Profis geben alles, um nach eine Woche Training und Proben ein abendfüllendes Stück auf die Bühne zu bringen. Der Stundenplan unter der Leitung des weltweit bekannten russischen St. Petersburger Schaupiel- und Stimmlehrers Jurij A. Vasiljev ist klar strukturiert: Jeder Tag beginnt mit Training – und dabei werden scheinbar einfache Aufgaben zur großen Herausforderung: Schon am ersten Tag merke ich zum Beispiel, dass mein Unterkiefer alle andere als locker ist. Sanft und gezielt schubsen wir uns uns gegenseitig herum – mit den Händen und mit der Stimme – alles soll locker sein, alles!, dabei werde ich mehrfach korrigiert, den unbewusst beisse ich die Zähne zusammen. Jurijs Methode ist ganzheitlich: Die Körperarbeit bedingt die Stimme, ein verkrampfter Körper kann kein Stimmvolumen und keine Resonanz erzeugen. Diesen Zusammenhang erleben und entdecken wir bei zahlreichen Übungen, oft in Partnerarbeit und stets eindrucksvoll demonstriert und vorgelebt von Jurij: Er läuft, tönt und springt leichtfüssig durch den Raum und bringt uns immer wieder zum Lachen, indem er pantomimisch die Schwächen der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufs Korn nimmt. Das Lachen verbindet und befreit, denn jeder hier, auch die Fortgeschrittenen, dürfen und sollen ihre Grenzen erfahren um sich weiter zu entwickeln. Die Simultan-Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche durch Tomas Ondrusek fügt sich nahtlos ins Training ein. Die beiden arbeiten schon so lange zusammen, dass sie als Einheit wirken und falls einmal ein Mitspieler zur Partnerarbeit fehlt springt ebenfalls Tomas ein. Mit der Zeit vergisst man sogar, dass man kein Russisch versteht: Man hört Jurijs volltönende Stimme und weiss, was er meint: Hat er es demonstriert oder hat Tomas übersetzt? Das ist nebensächlich. Die Konzentration der Teilnehmer ist hoch. Jeder weiss, dass er hier viel lernen kann, fürs Theater, für den Beruf oder einfach fürs Leben. Es in jeder Situation hilfreich, die Selbstwahrnehmung zu schärfen.

Nach dem Training, das von 9.30 bis 11 Uhr stattfindet, kommt um 11.30 Uhr die ersten Probeneinheit, am Nachmittag von 16 bis 19 Uhr die zweite. An den ersten beiden Tagen lesen wir das Stück mit verteilten Rollen, dann teilt Jurij die Darsteller auf: Viele spielen mehrere Rollen und die meisten Figuren werden nacheinander von verschiedenen Darstellern auf die Bühne gebracht. Da das schöne Dachbodentheater des Schlössli in diesem Jahr renoviert wird, ist eine Freiluftaufführung geplant. Das Wetter meint es gut mit uns: wir verbringen die meisten Tage in herrlichem Sonnenschein, dass es am Tag vor der Aufführung regnet nehmen alle sportlich. Wir müssen eben lernen, mit Regenschirmen zu spielen. An die Opernsänger, die im Haus nebenan viele Stunden üben, gewöhnen wir uns schnell: Sie singen auf allerhöchstem Niveau. Die Traktoren, welche in diesen Tagen das Heu in die Scheunen bringen und häufig die Strasse hinter unserem Freiluftspielplatz entlang fahren stellen da schon eine grössere Herausforderung an die Konzentration und an die Stimme dar.

Leider reicht die Zeit kaum, um intensiv an den einzelnen Szenen zu arbeiten. Wir erleben Jurijs Regiearbeit vor allem in der Choreographie der Szenenabläufe – beeindruckend, kreativ, witzig und spontan – es ist jedoch leider kaum möglich, auch hier an Stimme und Ausdruck zu arbeiten. Ob es da nicht besser wäre, sich mit nur einer Stunde Aufführungszeit zufrieden zu geben und dafür länger an einzelnen Szenen zu arbeiten? Doch natürlich bietet die Vielfalt der Szenen – gerade bei Shakespeare – viel Stoff für eine vergnügliche Probenzeit und es entstehen in diesen Tagen sehr viele gelungene Szenen –  neben einigen Längen und Schwächen, über die auch das Publikum am Samstagabend dankenswerterweise freundlich hinwegsieht.

Am Ende sind alle froh und glücklich über eine erfolgreiche Theaterwoche. Die Percussion-Zugabe von Tomas und seiner Frau Joseline heizt die eher kühle Sommernacht noch einmal so richtig auf, nur beim leckeren späten Abendessen ist die fröhliche Premierenstimmung bereits ein wenig von Abschiedsschmerz durchzogen: Man merkt, es geht eine intensive gemeinsame Zeit zu Ende.

Ein herzliches Dankeschön an das Orga-Team unter Leitung von Annette Flury für ihr großes Engagement und dass sie uns dieses Erlebnis ermöglicht haben, an Jurij Vassljev für die lehrreiche und dabei so fröhliche Zeit und dafür, dass er die weite Anreise auf sich nimmt um sein Wissen und Können mit uns zu teilen, an Tomas Ondrusek für die Übersetzung und an ihn und Joseline für die im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden afrikanischen Percussion-, Gesangs- und Tanzeinlagen und vor allem an alle Mitspieler! Es hat grossen Spass gemacht, euch kennen zu lernen und mit euch zu spielen!!

Links:

Fauntheater 

Jurij A. Vasiljev

 

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