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Besuch bei der Grande Nation

Paris12 Versailles

Wir haben die Grande Nation besucht. Nach vier Tagen in Paris und Versailles kann man verstehen, wenn die Franzosen manchmal ein bisschen arrogant wirken. Diese Masse an riesigen Prachtbauten ist ja auch nur schwer zu verkraften.

Dabei sind das Reizvolle an Paris die Kontraste. Zum Beispiel findet man neben den breiten Straßenzügen, die so wirken, als sollten sie als Landebahn für Außerirdische dienen, auch eine Fülle an winzigen Cafés und Brasserien. Garantiert bekommt kein Gastronom mehr Gäste in seinem Lokal unter, als ein Pariser. Die winzigen Bistro-Tischchen kennt man ja. Auf die passt ungefähr ein Glas Rotwein und eine Papierserviette. Wenn das Essen kommt muss man schon räumen.  Auch um sich hinzusetzen muss man räumen: Tisch vorrücken, einer setzt sich auf die Bank und dann den Tisch wieder ranrücken. Wenn man aufstehen will, zum Beispiel um auf die Toilette zu gehen, macht man das Ganze umgekehrt.

Suchbild (mit dem RER C nach Paris)

Doch auf die Toilette geht man nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Denn nachdem ich Frankreich jetzt seit gut 40 Jahren kenne und regelmäßig in diesem schönen Land weile habe ich gelernt: Toiletten sind den Franzosen einfach nicht wichtig. Das Essen muss gut sein und der Wein auch. Die Toilette darf ruhig verdrecken. Doch nicht nur das. Vor allem muss die Tür in den Angeln hängen, der Tür-Riegel sollte kaputt und die Spülung allenfalls irgendwie improvisiert zu betätigen sein. Immerhin gibt es fast keine Stehklos mehr, wie ich sie zu Beginn meiner Frankreich-Karriere noch öfter kennen lernen durfte.

Übrigens trotzen die Pariser Brasserien und Cafés dem Indoor-Rauchverbot mit einer Armada von Gasbrennern, die überall vor den Lokalen stehen. So kann man auch im Winter an der Straße sitzen, rauchen, die Sonne genießen und den Ausblick auf einen pittoresken Platz, das Verkehrschaos oder Notre-Dame, was eben gerade so ansteht. Wir haben jedoch meistens drin gesessen und dort die Atmosphäre genossen. Meistens sind die Wände vor lauter Dekoration nicht zu erkennen. Denn Franzosen dekorieren grundsätzlich lieber die Löcher zu, statt zu renovieren.

Diesmal hatte ich mir vorgenommen, ein paar Quartiers und Bauten zu sehen, die ich bisher noch nicht kannte. Dazu gehörte das Panthéon, das ich mir dann aber doch nur von außen angesehen habe. Es wirkt dermaßen überdimensioniert, dass es schon fast unanständig ist.  Aus dem

Panthéon

Reiseführer erfahre ich, dass es ursprünglich als Kirche geplant war. Dann kam die Revolution dazwischen, Pech gehabt, Kirchen waren plötzlich nicht mehr so opportun. Da es nun mal stand hat man trotzdem berühmte Franzosen hier begraben. Dann weiß man wenigstens, wo sie liegen, der Bau ist jedenfalls nicht zu übersehen.

Zum ersten Mal war ich auch in der Sainte Chapelle, die innerhalb des Justizpalastes liegt und die man damals gebaut hatte, um wichtige Reliquien aufzubewahren, welche die Macht des Königs von Gottes Gnaden unterstreichen sollten. Immerhin wurde hier die Dornenkrone aufbewahrt, die Jesus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll! Der Erwerb ist damals teurer gewesen als der Bau der Kapelle – und das will was heißen. Denn wenn man innerhalb dieses gläsernen Reliquiars steht kann man nur staunen über die Kunst der Architekten und Glaser die dieses Schatzkästlein erbaut haben.

Sainte Chapelle

Auch das Quartier Latin kannte ich bisher nur unzureichend und war begeistert von den kleinen Straßen, Geschäften und Plätzen. Hier eine Patisserie, dort ein Bäcker, ein Metzger und so weiter – und dabei kaum Touristen, zumindest jetzt im Winter. Die findet man dafür in anderen Gegenden. Gerade ist man noch einsam irgendwo lang geschlendert und auf einmal ist alles voll von Menschen. Man fragt sich, woher die auf einmal immer alle kommen und ob sie sich zwischendurch einfach in Luft auflösen.

Bestens bekannt aber immer wieder einen Besuch wert ist der Hügel von Montmartre. Das Viertel wurde ja unter anderem dadurch berühmt, dass hier Toulouse-Lautrec in zwielichtigen Etablissements herumgesessen und mit leichtem Strich leichte Mädchen gemalt hat. Das passt irgendwie zu Paris, auch ein wunderbarer Kontrast: Kunst und Kommerz. In Paris malt man keine Landschaften, sondern Menschen und Straßenszenen. Klappt prima, denn eine Menge wichtiger Franzosen, Könige oder Präsidenten, sorgt mit den entsprechenden städteplanerischen Eingriffen dafür, dass immer genug zum Abmalen da ist bzw. eine prima Filmkulisse abgibt oder sich als Hintergrund für einen Roman eignet.

Sacré Coeur

Als die Sonne unterging und das Schlendern durch die Straßen nicht mehr ganz so viel Freude machte habe ich getan, was die Pariser offensichtlich auch gerne tun im Januar: Mich in den Winterschlussverkauf gestürzt. Denn auch das ist in Paris irgendwie größer und bedeutsamer als anderswo. Mit grimmiger Miene werden Grabbeltische durchwühlt und Umkleidekabinen blockiert. Da versteht der Franzose keinen Spaß.

Zum Abschluss habe ich dann noch DAS nationale Heiligtum von Frankreich besucht: Das Schloss Versailles. Es ist schon erstaunlich, was Männer mit Größenwahn so alles hinterlassen, was sich dann prima touristisch vermarkten lässt. Das Schloss Versailles mit seinen Gärten ist natürlich ein Paradebeispiel dafür. So richtig als Regierungssitz hat es nur – mit Unterbrechungen – während insgesamt rund 150 Jahren gedient. Dagegen wurde es schon sehr früh zum Museum. Nachdem, was heute noch so erhalten ist, muss es eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gewesen sein. Alleine die Menge an Architekten, Möbelschreinern, Dekorateuren, Stuckateuren, Malern (es gab zum Beispiel königliche Hoflackierer, man malte in 20 Schichten, das dauert) und so weiter, die mit dem Schloss beschäftigt waren, hat über mehrere Generationen hinweg viele, viele Familien ernährt.

Mit großem Vergnügen habe ich die königlichen Betten betrachtet, denn schon immer fand ich es eine ausgesprochen verwunderliche Vorstellung, dass das Aufstehen und Ankleiden wichtiger Bestandteil des Hofzeremoniells gewesen ist und mit Publikum inszeniert wurde. Leider erfährt man über diese Dinge bei der Führung jedoch relativ wenig, dagegen umso mehr über die Namen berühmter Maler und Möbelbauer, von denen ich mir natürlich nicht einen einzigen merken konnte.

Königliches Disneyland

Dann habe ich mir noch die die Domaine der Marie-Antoinette angesehen, am anderen Ende des Parks gelegen. Sie wollte damals dem ganzen Prunk entkommen, indem sie sich gleich ein ganzes Dorf als Rückzugsort anlegen ließ, so richtig mit Bauernhof und Mühle und allem drum und dran. Das ist wirklich ausgesprochen merkwürdig anzuschauen. 10 von 12 Gebäuden stehen noch, können allerdings nicht betreten werden. Da es sich um Häuser handelt, die zwar einem Bauerndorf nachempfunden jedoch von königlichen Hofarchitekten gebaut wurden, hat das ganze Ensemble ein bisschen eine Atmosphäre wie in Disneyland. Die Häuschen wirken so, wie ein Märchenerzähler oder eben ein Comiczeichner ein Dörfchen entwerfen wurde, stets mit ein paar Giebeln und Winkeln und Ecken zuviel. Am Schönsten ist aber ohnehin der englische Garten, den sie darum herum anlegen ließ und der viel mehr meinem Geschmack entspricht, als die streng angelegten Gärten des Schloss Versailles.

Alles in allem lohnt es sich, das Schloss Versailles anzuschauen. Am besten, man sieht sich die Schlösser  (3 an der Zahl mit Großem und Kleinem Trianon) im Winter an, wenn man die Säle hauptsächlich mit asiatischen Reisegruppen teilt aber nirgendwo anstehen muss und kommt für die Gärten noch einmal im Sommer vorbei. Vom Flughafen Charles-de-Gaulle schafft man es in etwa 1,5 Stunden bis dorthin, von Paris aus in 40 Minuten (wenn man in die Linie RER C mit der richtigen Endstation einsteigt, was auch eine Kunst für sich sein kann).

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2 Kommentare
  1. Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Er weckt die Reiselust in uns. Nach Frankreich sowieso und immer. Paris würden wir auch so gerne mal zusammen neu entdecken, aber wie so häufig befürchte ich auch bei einer Paris-Reise, dass die Zeit nie und nimmer ausreichen wird, um sich dort ausreichend mit der Stadt vertraut gemacht zu haben. Das ist natürlich ein wenig verrückt, denn selbst wenn man länger dort wäre, würde man ja immer nur einen Auszug all dessen, was einem begegnet, erfassen.
    Vielen lieben Dank für Deine Reisebeschreibung!
    mb.
    Und dm grüßt herzlich.

    26. Januar 2012
  2. Dankeschön! Ja, Paris ist immer ein Reise wert. Einfach mehrmals hinfahren :-) Beste Grüße im Moment aus Deutschland …

    27. Januar 2012

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