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Social Media – die Self-fulfilling Prophecy

Jugendliche mit Handys

Eine längere Online-Abstinenz liegt hinter mir. Im Urlaub nehme ich mir frei. Schreibtischarbeiten müssen warten – Zeit für den Blog bleibt auch keine. Dafür Zeit für Alltagsbeobachtungen. Zum Beispiel beim Weihnachtsessen mit der Familie und den 17- bis 20-jährigen Nichten.

Nein, sie schaffen es nicht, am ersten Weihnachtsfeiertag eine ganze Mahlzeit durchzuhalten, ohne Facebook zu checken. Die Freunde sind zu Hause geblieben und tun genau dasselbe. Die Peergroup verlangt Aufmerksamkeit, man könnte ja was verpassen.

Ich verpasse nichts. An Silvester sehen wir Freunde wieder, die wir teilweise seit 20 Jahren kennen. Social Media ist für die meisten kein Thema, höchstens, was den Nachwuchs betrifft, da wird es ein Thema werden. Doch der tobt durchs Haus und ist noch zu klein, um sich für Online-Medien zu interessieren. Mit sieben oder acht Jahren funktioniert Kommunikation noch auf dem direkten Weg. Da kann man sich besser gegenseitig hauen, an den Haaren ziehen und mit Playmobilfiguren bewerfen. Der Geräuschpegel ist dementsprechend ein anderer, als wenn sich Jugendliche treffen und stumm den Touchscreen bearbeiten. Nur wenn die Kids im Quengelton auf die an diesem Abend verbotene Spielekonsole zu sprechen kommen, ahnt man, welche Hürden den Eltern in der Medienerziehung noch bevorstehen.

Als ich zum ersten Mal wieder am Schreibtisch sitze und den Stream der zurückliegenden Tage bzw. Wochen anschaue kann ich nur staunen. Doch was habe ich erwartet, die Online-Welt steht natürlich nicht still. Da wird über neue Trends berichtet und die Fortsetzung der alten, über die Cloud, die Netz-Reputation und so weiter und so fort. Es sind viele Themen dabei, die sich selbst nähren. Social Media als Self-fulfilling Prophecy.

Das hat fast ein bisschen was Esoterisches – entweder man glaubt daran oder nicht. Dementsprechend vermissen Menschen, die außerhalb dieses Glaubenssystems leben, auch nicht wirklich was. Und im Moment sind in meinem Bekanntenkreis eben noch mehr Ungläubige anzutreffen. Bei ihnen fallen die Prophezeiungen und Evangelien der Social Media Jünger nicht nur auf unfruchtbaren Boden, sie fürchten sich sogar ein bisschen davor, vor allem wenn sie die Ergebenheit wahrnehmen, mit der sich zum Beispiel Jugendliche den neuen Kommunikationsformen verschreiben.

Die Wahrheit liegt vermutlich – wie so oft – irgendwo in der Mitte. Irgendwann wird es einen Konsens geben so wie stets nach den Zeiten des Übergangs, bis jeweils eine Mehrheit das Telefon, das Radio oder den Fernseher als Alltagsgegenstand akzeptiert und nicht mehr als potenziell Kultur schädigend bewertet hatte. Wir werden den Zeitpunkt vielleicht daran erkennen, dass ein Festnetz-Telefon einen Touch von Vinylplatte bekommt und wahrgenommen wird als ein Medium, das vor allem Exzentrikern vorbehalten bleibt.

Wer weiß?

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3 Kommentare
  1. Creativ-Texting - Ihre Agentur für kreative Ideen #

    Schön geschrieben und so wahr :-)

    13. Januar 2012
  2. Dr. Joe #

    Stimmt – aber der Vergleich mit dem Telefon hinkt etwas. Dazu stelle man sich Folgendes, natürlich nur fiktiv, vor:

    Die Telekom (und alle anderen Tel-Anbieter) schneiden sämtliche Telefonate mit, speichern die Daten und werten diese aus. Weltweit. Daraus werden Profile aller Telefonkunden generiert. Alles was man jemals am Telefon gesagt hat, kann nachgelesen und verknüpft werden. Natürlich kann man die Veröffentlichung der Profile abschalten, oder zumindest dafür sorgen, dass nur Freunde sie sehen bzw. hören können. Aber niemand hat den geringsten Einfluss darauf, was die Telekom mit den Daten macht oder noch machen wird. Und wer sein Profil “geheimhält”, gilt in der Gesellschaft als schrullig und altmodisch. Selbstverständlich kann man die Konsequenz ziehen und sich bei der Telekom abmelden. Die Daten und das Profil werden trotzdem niemals gelöscht. Und: kann man dann nie wieder telefonieren.

    Der Mitschnitt oder das Mithören von Telefonaten ohne Einverständnis des Gesprächspartners ist in Deutschland ein Straftatbestand. Bei Facebook sind alle einverstanden – nur werde ich das dumme Gefühl nicht los, dass den meisten Facebook-Nutzern noch nicht klar ist, was das vielleicht irgendwann mal bedeutet…

    26. Januar 2012

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