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Theorien der Gesellschaft und des Internets: Erstaunliche Parallelen

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Gleich zwei gedruckte (!) Bücher sollten mich in den letzten Tagen in Sachen Internet und Soziale Netzwerke weiter bringen und vor lauter Ungeduld habe ich mal wieder parallel und quer gelesen.

“Die Macht sozialer Netzwerke” von N. A. Christakis und J.H. Fowler beschreibt anschaulich die Grundstrukturen, aus denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist.

Aus dem Inhalt in aller Kürze: Als soziale Wesen leben wir nicht isoliert, sondern sind in sehr viel stärkerem Maße als uns bewusst ist, den Einflüssen unserer Freunde, Nachbarn, Kollegen und Bekannten und deren Freundes- und Bekanntennetzwerk ausgesetzt.

Studien zeigen, dass der Freund des Freundes des Freundes noch einen messbaren Einfluss auf unser eigenes Verhalten bzw. auf unseren Einstellungen hat, dass “Glück” ansteckend sein kann, dass sich Psychosen wie Wellen in der Gesellschaft ausbreiten können und viele andere erstaunliche Dinge mehr.

Wichtigster Transmitter in den sozialen Netzwerken ist die Empathie, ein evolutionäres Erbe und der wesentliche Kitt unserer Gesellschaft. Wir nehmen die Emotionen anderer nicht nur wahr, sondern wir imitieren sie häufig – entweder bewusst, in den meisten Fällen jedoch unbewusst. Lautstarke Angstreaktionen zum Beispiel, die unsere Vorfahren wirkungsvoll vor dem Angriff wilder Tiere warnten, indem sie Angst- und Fluchreaktionen bei anderen Menschen der Gruppe provozierten, zeigen auch heute unverändert ihre unmittelbare Wirkung.

Das Buch liest sich gut und flüssig und verfügt über jeden Menge Angaben zu weiterführender Literatur. Die Frage, inwieweit die sozialen Netzwerke von den neuen interaktiven Medien des Web 2.0 beeinflusst und vor allem durch sie erweitert werden, wird für meine Begriffe jedoch etwas unzureichend beantwortet. Die bereits in diesem Blog vorgestellten Studien von Rosen zum Beispiel zeigen ja, dass es zwar eine virtuelle Empathie gibt, dass diese jedoch (noch?) wesentlich weniger effektiv wirkt, als die reale Empathie. Außerdem berücksichtigt das im Jahr 2009 in den USA erschienene Buch (deutsche Ausgabe v0n 2011) das heute alles dominierende Network Facebook noch nicht ausreichend. Als Grundlage für das Verständnis sozialer Netzwerke ist das Buch dennoch unbedingt empfehlenswert und löst beim Lesen den einen oder anderen Aha-Effekt aus.

Das zweite Buch heißt “Theorien des Internet” – ein Einführungs- und Grundlagenbüchlein, das einen “Überblick über die technische Funktionsweise des Internet” liefert sowie “präzise Begriffe von Komplexität, Wachstum und Störanfälligkeit”. (Martin Warnke, Theorien des Internet zur Einführung).

Besonders faszinierend beim Lesen der beiden Bücher so kurz hintereinander: Komplexität und Wachstum des Internets weisen frappierende Parallelen auf zur menschlichen Gesellschaft und zu unseren realen sozialen Netzwerken. Der Grund dafür ist das nahezu organisch-natürliche Wachstum des Internets über etwa vier Jahrzehnte hinweg.

Organisch-natürliches Wachstum? Wie kann das sein? Die wesentliche Ursache dafür liegt darin begründet, dass zu Beginn des Internets ökonomische Interessen absolut keine Rolle spielten.

Um dies besser zu verstehen, hier ein Zitat aus dem Kapitel “Geschichte des Internets”:

In einer Zeit, in der Wirtschaftsunternehmen das Internet zu dominieren begonnen haben, enthüllt ein kurzer Blick in seine Geschichte (…) welche Erbschaft die Interntökonomie angetreten hat. Dieses Erbe stammt aus zwei Teilsystemen unserer Gesellschaft, für die das Geld keine Rolle spielte, weil das eine genug davon hatte – das Militär -, und das andere das Geld gering schätzte, weil es zur Wahrheitsfindung nichts taugte – die Wissenschaft. (…) Es waren also Leute mit tiefen Taschen und langem Atem, die das Internet erfanden. Und sie hinterließen ein technisches Artefakt, dem einerseits Vorkehrungen für das Geldverdienen vollständig abgingen und das andererseits mit einer außergewöhnlichen Robustheit – einer militärischen Tugend – ausgestattet war sowie einem speziellen Hang zur Heterogenität, einer Eigenschaft, die sowohl im Feld als auch auf dem Campus von Nutzen ist und die uns Konsumenten heute noch den Gebrauch des Internets leichter macht.

Das Militär hatte also die “tiefen Taschen” und die Forscher hatten alle Freiheiten, keinen Zeitdruck und wenige, dafür jedoch sehr wirkungsvolle Vorgaben: Es sollte ein Kommunikationssystem geschaffen werden, das sicher und wenig störanfällig war, unempfindlich gegen Sabotage oder sonstige Katastrophen. Dies wurde schließlich erreicht durch eine dezentrale Struktur und die Redundanz der Verbindungen zwischen den Netzknoten. Steht der eine “Transportweg” durch das Netz nicht zur Verfügung, sucht sich der Datenstrom eben einen anderen Weg. Und zwar sozusagen “selbstständig”, ohne dass es dafür zusätzlicher Befehle bedarf.

Parallelen zu unserer menschlichen Kommunikation lassen sich leicht finden. Man könnte dies zum Beispiel vergleichen mit der Art und Weise, wie sich Neuigkeiten innnerhalb einer Population verbreiten – etwa unter der Belegschaft einer Firma oder der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule. Brisante und interessante News suchen sich ihren Weg – ist der eine versperrt (weil beispielsweise jemand “dicht” hält) findet die Nachricht jemand anderen, der sie verbreitet. Und innerhalb kürzeseter Zeit weiß “es” jeder. Epidemisch ist das sozusagen, Krankheiten verbreiten sich ebenfalls auf diese Weise. Ist einmal ein wichtiger Netzknoten befallen (man denke nur an den ersten HIV-positiven Menschen, der bekanntlich Steward einer Fluggesellschaft war und viele Sexualpartner hatte), ist die Ausbreitung des Virus, der Nachricht, der Information kaum noch aufzuhalten.

Mit den Nachrichten im Internet ist es genauso. Auch Informationen, die gezielt von einem Absender an einen Empfänger gesandt werden – E-mails zum Beispiel – suchen sich jedesmal aus Neue den besten Weg durchs Datennetz. Falls der bekannte Weg eine Störung aufweist nehmen sie eben eine andere Route. Die Redundanz der Wege sichert die Informationsübertragung. Andere Informationen wiederum breiten sich lawinenartig im Netz aus, Twitter, Facebook und Co. übernehmen hierbei die Funktion des Steilhangs. Und die Anfälligkeit des Internets für Spam liegt ebenfalls sozusagen in seiner Natur begründet.

Spannende Erkenntnisse, die sich mit meinem intuitiven Verständnis für die Kommunikation im Internet decken und gleichzeitig auch wieder viele neue Fragen aufwerfen. Die Reise wird fortgesetzt.

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