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Von Elchen, Fröschen, Küssen und der Wunderfrage

Elch im Baum (Foto AP)

Vor ein paar Tagen hat sich eine Elchkuh in einem Baum verirrt. Vielleicht hat sie sich ja für ein Vögelein gehalten oder für ein Eichhörnchen. Jemand anderes sein zu wollen ist schließlich kein menschliches Vorrecht sondern eine wirkungsvolle Mimikry-Strategie der Natur. Als Tarnmanöver freilich war die Aktion der Elchkuh bei allem Wohlwollen nicht geeignet, und man nannte sie nicht zuletzt deshalb auch “besoffen” oder “debil”. Doch hier passt das Zitat des geschätzten F.W. Bernstein: “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche”.

Auch so eine Verwandlungsgeschichte und in diesem Zusammenhang ist es immerhin ganz interessant zu erfahren, dass F.W. Bernstein eigentlich Fritz Weigle heißt. Somit hat Bernstein sich zwar nicht von einem Elch in ein Eichhörnchen verwandelt, aber zumindest von einem Weigle in einen Bernstein. Vielleicht damit sein Name weniger ländlich-schwäbisch klingt. Oder damit sein Name besser zu dem seines Kollegen F.K. Wächter passt.

Der wiederum hat auch eine ganz besonders hübsche Geschichte über das Verwandeln geschrieben: In dem Kinderbuch “Wir können noch viel zusammen machen” freunden sich ein Schwein-, ein Fisch- und ein Vogelkind miteinander an, wollen voneinander fliegen, tauchen und im Schlamm wühlen lernen – sehr zum Missfallen der jeweiligen Eltern. Doch die Kinder setzen sich über die Vorstellungen der Eltern hinweg und “verwandeln” sich mit Hilfe der Freunde und der Kraft der Phantasie zumindest für ein paar Stunden vom Fisch in ein Schwein oder vom Vogel in einen Fisch.

Ein etwas anderes Erziehungskonzept verfolgt da der Papa von der Prinzessin in dem Märchen “Der Froschkönig”, das die Gebrüder Grimm aufgeschrieben haben. Denn die Tochter denkt ja zunächst gar nicht daran, den Frosch – wie versprochen – zu ihrem Gefährten zu machen, nachdem er ihr die goldene Kugel aus dem Brunnen geholt hat. Da muss der Herr König sie erst einmal daran erinnern, dass man ein gegebenes Versprechen zu halten hat. Und was tut sie? Sie klatscht den Frosch brutal an die Wand.

Ich habe nie verstanden, warum sie als Lohn dafür einen attraktiven Prinzen bekommt. Nicht einmal geküsst hat sie den Frosch, und Küssen soll doch angeblich das Mittel der Wahl sein, wenn es darum geht, Jemandenen in Jemand anderen zu verwandeln.

Doch mit der Realität hat das so oder so nichts zu tun. Darauf zu warten, dass der andere sich ändert, ist ein müßiges Unterfangen, das passiert wirklich nur im Märchen. Bei sich selbst anzufangen ist dagegen eine wesentlich erfolgreichere Strategie.

Eine typische Frage im systemischen Coaching ist daher die “Wunderfrage”. Die könnte zum Beispiel lauten: “Stellen Sie sich vor, es ist ein Wunder passiert. Sie wachen morgens auf und haben sich in einem Menschen verwandelt, der seinem Partner sagt, was er fühlt” (falls derjenige eben genau damit Probleme hat), “was ändert sich dadurch?”.

Denn die Erfahrung zeigt: Sich selbst einmal zumindestens als Gedankenexperiment zu erlauben, anders zu sein, sich anders zu verhalten oder anders zu fühlen, ist oftmals der erste Schritt. Nur wenn wir uns selbst verändern, können wir uns auch weiterentwickeln. Und daraus wird dann am Ende vielleicht sogar eine erfolgreiche Verwandlungsgeschichte – mit oder ohne Küssen, je nach Lebensbereich.

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4 Kommentare
  1. erinnye #

    Wirklich interessanter Artikel. Das mit den Wünschen ist natürlich so eine Sache, gerade wenn Märchenbezug vorhanden ist. Meistens wünschen sich die Protagonisten ja genau das Falsche. Wie im richtigen Leben.

    12. September 2011
    • Ja, der Wunsch nach Veränderung oder Verwandlung scheint so alt zu sein, wie unsere Gesellschaft. Wer kann schon von sich sagen, wunschlos glücklich zu sein. Das Problem ist ja nur, dass sich immer die anderen oder die Umstände ändern sollen.Und das geht nur mit Fee.

      12. September 2011
  2. Danke für Deinen feinen Artikel. Gefällt uns!
    der systemische Ansatz mit dem Froschkönig verbunden … schön. Und ja auch passend.

    12. September 2011
  3. Danke fürs Gefallen :-)

    12. September 2011

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