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Typisch Frau? Stolpersteine für die Karrieren von Frauen

Dürer

Nach wie vor sind Frauen in den Führungsetagen deutscher und Schweizer Unternehmen eher unterrepräsentiert. In Deutschland sind gemäß dem Führungskräftemonitor 2010 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 27 % der Führungskräfte in der Privatwirtschaft Frauen (Zahlen von 2008).

Das scheint auf den ersten Blick gar nicht mal so wenig. Betrachtet man die Verteilung in den Führungsebenen genauer, ergibt sich jedoch ein anderes Bild:

„Im Schnitt leiten Männer in Führungspositionen größere Teams als Frauen und sie sind im Mittelmanagement und im Topmanagement deutlich häufiger vertreten als Frauen. Zusammenfassend gilt: Je höher die Hierarchieebene, desto seltener sind Frauen dort vertreten. Am häufigsten arbeiten Frauen in Führungspositionen im unteren Management. Ende 2009 war der Anteil der Frauen in den Vorständen der Top-100-Unternehmen sogar unter die Ein-Prozent-Marke gerutscht.“

In der Schweiz sieht es noch schlechter aus. Dort lag der „Frauenanteil aller Arbeitnehmenden in Unternehmensleitungen“ gemäß dem Schweizer Bundesamt für Statistik im Jahr 2000 sogar nur bei 15%.

Immer wieder wird über die Ursachen dieser ungleichen Verteilung spekuliert.  Eine soziologische Studie der TU Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Funken hat jetzt die Karrierespielregeln in der neuen Arbeitswelt der Wissensökonomie untersucht. Wissensökonomie beschreibt unsere moderne Arbeitswelt, in der nicht mehr primär materielle Produkte hergestellt, sondern Wissen und Informationen produziert werden. Sie ist charakterisiert durch das Arbeiten in Projekten innerhalb interdisziplinärer Teams, erfordert ein hohes Maß an virtueller Kommunikation (Videokonferenzen, E-Mail) und Eigenverantwortlichkeit.

281 Führungskräfte, 151 Männer und 130 Frauen, aus dem mittleren Management und dem Personalbereich in zehn großen deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten wurden interviewt beziehungsweise online befragt. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Karrierestrategien verfolgen. Für Frauen hat die Studie drei spezifische „Stolpersteine“ identifiziert, die den Weg in die nächsthöhere Hierarchieebene behindern:

1. Wahrnehmung als „typisch Frau“

Frauen sind sich der neuen Anforderungen in der wissensbasierten Arbeitswelt sehr bewusst. Selbstdarstellung hat für sie hohe Priorität. Sie wissen, dass sie nicht darauf warten könnten, entdeckt zu werden, und setzten die geforderten Kompetenzen – kommunikativ, kooperativ, konfliktlösungsorientiert und integrativ zu sein – ostentativ ein.

Das Fatale daran: Indem die Frauen zeigen, dass sie die Soft Skills perfekt beherrschen, werden sie zur Repräsentantin ihres Geschlechts. Sie werden von den Vorgesetzten nicht als Individuum, sondern vor allem als Frau wahrgenommen, weil diese Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen früher einmal als „typisch Frau“ galten.

Die Folge davon ist, dass den Frauen gleichzeitig auch die alten Stereotype zugeschrieben werden, etwa weniger produktiv und flexibel zu sein, weil sie sich um Kind und Familie kümmern müssen.

Männer dagegen nehmen die genannten “Soft Skills” längst nicht so wichtig – auch wenn sie diese heute genauso beherrschen müssen. Während also Frauen davon ausgehen, dass diese Kompetenzen in der neuen Arbeitswelt zu geschlechtsneutralen harten Fakten „umcodiert“ worden seien, haben Männer ihre Sichtweise nicht geändert.

2. Zu viel Kooperation schadet der Karriere

Das zweite Paradoxon, das die Studie aufdeckt, verbirgt sich in den Besonderheiten der Projektarbeit selbst.

In den Projekten wird in interdisziplinären Teams gearbeitet, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um den Globus verteilt sind. Um ein Problem für das Unternehmen schnell und effizient zu lösen, ist Kooperationsfähigkeit sozusagen oberste Mitarbeiterpflicht. Die Fähigkeit, kooperieren zu können, kollidiert allerdings mit der Anforderung, im Team sichtbar zu werden, um sich für einen Karriereaufstieg zu empfehlen. Hervorstechen kann man eben nur, wenn man sich von den anderen absetzt.

In dieser Situation setzen Frauen stark auf die geforderte Kooperation, Männer dagegen ganz selbstverständlich und primär auf Konkurrenz. Die Folge: Obwohl mindestens genauso viele Frauen wie Männer in Projekten arbeiten, sind fast alle Projektleiter Männer.

3. Projektarbeit als Sackgasse

Der dritte Stolperstein ist ebenfalls eine Folge der Projektarbeit. Denn die Projektlaufbahnen, an denen sich viele Frauen orientieren, führen meistens ohnehin nur bis ins mittlere Management. Männer richten ihre Karrierestrategien jedoch auch weiterhin am klassischen Aufstieg in der Linienhierarchie aus, um nach ganz oben zu gelangen.

Spannende Ergebnisse, die nachdenklich stimmen. Es scheint, dass ein grundsätzliches Umdenken nötig ist, um die Arbeitswelt wirklich gründlich aufzumischen. Sowohl bei den Männern, als auch bei den Frauen. Für Frauen, die eine Führungsposition anstreben ist es jedenfalls gut, sich der Stolpersteine und der vermutlichen Sichweisen ihrer männlichen Kollegen bewusst zu sein und gleichzeitig ihr Karriereziel im Auge zu behalten.

Sind Frauen einmal in einer Führungsposition angekommen, unterscheidet sich ihr Verhalten nicht grundsätzlich von dem ihrer männlichen Kollegen – dies behauptet jedenfalls eine weitere Studie, die das Personaldiagnostik-Unternehmen Profilingvalues erstellt hat. Dort hat man die  Herrschenden Werte und Einstellungen am Arbeitsplatz untersucht und herausgefunden, dass Führungskompetenz  ein Thema der Persönlichkeit ist, und nicht des Geschlechts. Die Studie betont, dass es weder einen typisch weiblichen noch einen typisch männlichen Führungsstil gibt. Denn Führung sei kein geschlechterspezifisches Thema, sondern ein Thema der individuellen Werte und Eigenschaften einer Person, also ihrer Persönlichkeit.

Diese Studie ist sogar komplett im Internet zu finden – habe sie selbst allerdings  nicht gelesen. Wenn ich es nachgeholt habe berichte ich gerne darüber …

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2 Kommentare
  1. erinnye #

    Super Artikel. Ich kann besonders Punkt 2 unterstreichen. Ich glaube eigentlich nicht, dass sich an der Arbeitswelt so schnell etwas ändern wird.

    6. September 2011
  2. Nein, ich glaube auch nicht, dass sich die Arbeitswelt schnell ändern wird. Aber vielleicht langsam. Die großen Firmen schöpfen mittlerweile die klassischen Möglichkeiten der Weiterbildung und des Trainings ihrer Mitarbeiter voll aus. Wenn sie noch erfolgreicher werden wollen, müssen sie ihre Mitarbeiter auch in ihrer Persönlichkeit weiter entwickeln. Da geht es nicht mehr so sehr um Wissen, sondern um Verhalten. Und da gewinnen die Soft Skills an Bedeutung. Männer und Frauen können beide in ihrer unterschiedlichen Sozialisierung viel voneinander lernen. Ehrlich gesagt interessiert mich das Thema auch, weil ich mich selbst dabei ertappe, “alte” Rollenmuster zu erfüllen. Vielleicht bin ich also ein “schlechtes” Vorbild? Keinesfalls will ich aber meine Tochter in eine bestimmte Richtung beeinflussen. Das ist alles gar nicht so einfach …

    7. September 2011

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