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Zurück auf der Erde (II): Die Khasi, die Karbi und der Unterschied der Geschlechter

Dürer

Einen weiteren Beleg dafür, dass Männer nicht mit dem Talent zum Einparken geboren werden, sondern dass hier die Erziehung, die Bildung und die gesellschaftlichen Verhältnisse eine große Rolle spielen, liefert jetzt ausgerechnet die Untersuchung an zwei indischen Stämmen, die nicht einmal über Autos verfügen. Die beiden Völker, Khasi und Karbi, sind genetisch eng miteinander verwandt, unterscheiden sich jedoch in einem wichtigen Punkt voneinander: Bei den Karbi herrscht ein Patriarchat, bei den Khasi haben die Frauen das Sagen.

Einparken haben die Forscher um Moshe Hoffman von der University of California in San Diego mit ihren rund 1300 Probanden freilich nicht geübt. Die Fähigkeit zum räumlichen Denken testeten sie mit einem einfachen Puzzle. Als Anreiz winkte eine Belohnung von 20 Rupien, wenn das Puzzle in weniger als 30 Sekunden gelöst wird.

Das Ergebnis ist wirklich erstaunlich: Bei den Karbi, wo eher die Männer das Sagen haben, brauchten die Probanden insgesamt länger für die Aufgabe und sie wiesen einen größeren Unterschied zwischen Männern und Frauen auf: die Männer puzzelten das Bild im Durchschnitt in 42 Sekunden wieder zusammen, die Frauen in 57.

Bei den Khasi jedoch, die über eine matriarchalische Gesellschaftsstruktur verfügen, lösten beide Geschlechter das Puzzle nicht nur insgesamt schneller, sondern auch in etwa der gleichen Zeit: Männer brauchten im Schnitt 32 Sekunden und Frauen 35 Sekunden.

Wie gesagt, genetisch sind die beiden Gruppen identisch. Als einen Differenzierungsfaktor identifizierten die Wissenschaftler die Bildung. Während bei den matriarchalisch geprägten Khasi die Frauen und Männer etwa gleich lang ausgebildet wurden, erhielten bei den Karbi die Männer im Durchschnitt eine 3,7 Jahre längere Ausbildung, als die Frauen. Je besser die Bildung einer Versuchsperson gewesen war, desto besser schnitten sie bei den Tests ab.

Neben der Bildung, deren Einfluss die Wissenschaftler mit ungefähr einem Drittel beziffern, spielen nach den Annahmen der Forscher  auch die Besitz- und Machtverhältnisse innerhalb der Familien eine Rolle. Vergleiche innerhalb der Karbi zeigten, dass der Abstand zwischen den Ergebnissen der Männer und Frauen geringer ausfiel, wenn diese aus Familien stammten, in denen auch Frauen Anteil am Familieneigentum besaßen.

Veröffentlicht wurde die Studie im Fachblatt “Proceedings of the National Academy of Science”.

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4 Kommentare
  1. erinnye #

    Interessanter Artikel. Ich frage mich jetzt nur, leben diese Tribals noch ursprünglich? Diese Vergleiche der ausbildungsdauer implizieren ja eher schon Anschluss an modernere Gepflogenheiten. Dann frage ich mich im Ernst, ob bei den Khasi wirklich noch das Matriarchat herrscht?

    1. September 2011
    • Beide Völker leben vom Reisanbau. Es ist wohl tatsächlich so, das bei den Khasi das Besitztum in der Hand von Frauen ist. Die Kinder tragen den Nachnamen der Mütter. Stammhalterin ist jeweils die jüngste Tochter. Im Abstract und der Pressemeldung erfährt man allerdings auch nicht wirklich viel …

      2. September 2011
  2. erinnye #

    Ich habe mal bei Wikipedia nachgelesen. Sie werden dort als “matrilinear” definiert. Wie Du schon sagtest, die Kinder tragen den Namen der Mutter. Bei einigen Stämmen der Ureinwohner Nordamerikas soll es wohl auch matriachale Strukturen gegeben haben. Interessant ist, dass darauf hingewiesen wird, dass diese Stämme eher weniger Angriffskriege geführt haben, Krieg hatte dort lediglich defensiven Charakter.

    2. September 2011
  3. Das wäre eine logische Konsequenz aus einer Erziehung, die eher auf Kooperation abzielt, als auf Konfrontation.

    5. September 2011

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